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BEEF! – Die Emma für kochende Männer.

Extra für Euch habe ich die 9,80 Euro für das neue BEEF!-Magazin investiert und mich durch das Magazin gearbeitet. Zielgruppe laut Heftuntertitel: „Männer mit Geschmack“. Aber auch Frauen sollten den folgenden Bericht lesen, das spart bei der Männersuche viel Zeit: Vergesst die intimen und emotionalen Gespräche, es genügt die Frage „Bist Du BEEF!-Leser?“, um zu wissen aus welchem Holz ein Mann (besser nicht) geschnitzt ist.

Preis und Verarbeitung

Den Preis von fast 10 Euro finde ich schon ganz schön happig. Da kriegt schon die ein oder andere Kochbuchperle im Angebot für. Dafür ist die Verarbeitung hochwertig. Dickes Cover, gutes Papier. Erstklassige Fotos. Der Clou steckt in der Heftmitte: Das 4-Gänge-Menü zum Nachkochen ist auf einer Zeitleiste, die man ausklappen kann. So hat man immer im Blick, was man wann machen muss. An der Qualität gibt es nichts zu rütteln, ein wahrer Hingucker.

BEEF!

Die Inhalte

BEEF! definiert sich als „ein Magazin für Männer“. Immer wieder fällt in dem Magazin dieser Satz. Aber was soll das heißen? Im Fall von BEEF!: Extremste Stereotypen. Der Mann, das überlegene Wesen. Der Mann, der blutrünstige Jäger. Der Mann, der keine Kompromisse eingeht. Der Mann, der Ernährer der Familie. Der Mann, in dessen Leben Geld keine Rolle mehr spielt.

Unweigerlich muss also die Frage beantwortet werden: „Kann man eine Frau ins Bett kochen?“. Und natürlich wird der Mann auf der Titelseite schon angelockt:

1. Natürlich kann man
2. Das richtige Rezept
3. Die größten Patzer

Das passende Interview mit dem Gastranomie-Historiker Alain Drouad bildet mit seinen 2 1/2 Seiten auch fast den längsten zusammenhängenden Textteil des Magazins. Und darin sagt er:

Für sich genommen ist der Versuch, eine Frau „ins Bett zu kochen“, also genauso dumm wie der, eine Frau „ins Bett zu schwatzen“.

Das war’s. Kein Rezept. Keine Patzer. Und dazu die Aussage, dass es eigentlich nicht geht. Aber stand da nicht irgendwas auf dem Cover? Egal. Haben wir Männer eh schon vergessen, bei den scharfen Nacktfotos, die das Interview einrahmen und zerstückeln.

Nachdem diese wichtige Frage also geklärt ist, der Sabber abgewischt,  geht es weiter mit knallharten Männerthemen: So entpelzt und zerlegt man ein Kaninchen richtig. Schön mit vielen Fotos. Und bevor ihr fragt, BEEF! gibt die Antwort selbst:

Kein Trick! Für diese Bilder musste wirklich ein Tier sterben.

Dazu gibt es am Heftende auch die äquivalente Sushi-Reportage. Und in der Mitte den Bericht „Tatort Küche“, in dem die passenden Werkzeuge für den Metzel-Wahn des Mannes gezeigt werden. Der richtige Mann nimmt halt gerne richtig blutig auseinander.

BEEF!

Sehen wir einmal von den ganzen mit Testosteron getränkten Ergüssen ab, fällt vor allem nach dem Lesen auf: Wow, das ging schnell. Denn scheinbar liest ein Mann auch nicht gerne. Eigentlich ist BEEF! mehr ein Fotomagazin, mit ein wenig Text. Die wenig längeren Texte – wobei „lang“ maximal 3 Seiten bedeutet – werden auch permanent von ganzseitigen Fotos unterbrochen. Der Mann muss halt Fotos gucken.

Die Rezepte

Ohne Rezepte kommt ein Kochmagazin natürlich nicht aus. Oder doch? BEEF! bietet fünf Rezeptblöcke, mit insgesamt 21 Rezepten. Hört sich nach viel an, ist es aber nicht. Acht davon sind Saucenrezepte (mit solchen exklusiven Rezepten wie  Tomatensoße oder Hollandaise), sieben sind „Pflichtrezepte die jeder Mann ohne Rezept kochen können muss“ (gemeint sind Frikadellen, Milchreis und Bratkartoffeln), dazu gesellen sich ein Kühlschrank-Reste-Rezept und die Anleitung, wie man Mozzarella selbst herstellt. Die Rezepte enttäuschen auf ganzer Linie: Von eklig (Reste-Rampen-Rezept) bis völlig banal (Tomatensoße, Frikadellen) ist alles dabei. Bei den Bratkartoffeln wird daneben angegeben, zuerst Zwiebeln und Speck anzubraten und dann die Kartoffeln dazu zugeben. Na dann, guten Hunger bei leicht angebratenen Kartoffeln mit Verbranntem.

BEEF!

Völlig im Kontrast dazu steht das, bereits erwähnte, „4 Gänge, 5 Stunden, 6 Freunde“-Menü, dass von einem „Männer-Kochclub-Reglement“ begleitet wird. Die Idee und auch die Präsentation der Rezepte gefallen mir, ignoriert man mal wieder die animalischen Auslassungen. Im Regelwerk des Kochclubs steht etwa (nur Auszüge):

§ 2 Urzeitliche Härte
Männer kochen nicht mit Schnellkochtopf und Pürierstab, sondern mit riesigen Beilen, scharfen Messern und am offenen Feuer.

§ 8 Zuatatenverordnung
Sie dürfen jede Kreatur, die nicht auf der Liste der bedrohten Tierarten steht, an einem Nasenring in ihre Küche zerren. […] Natürlich dürfen Sie sich dabei von ethischen und moralphilosophischen Empfindungen leiten lassen. Aber erstens entgehen Ihnen dann ein paar der leckersten Leckereien, die dieser Planet zu bieten hat. Und zweitens haben Sie dann keinen Männerkochclub mehr, sondern eine Filiale vom Word Wide Fund For Nature von von Amnesty for Animals.

Was würde man nach diesen Sätzen also für ein Menü erwarten? Na? Känguruhsteaks, Krokodilfilets oder zumindest eine ordentliche Hochrippe? Nicht ganz. BEEF! schlägt Rehterrine mit Hagebuttensauce, schwarze Linsensuppe mit Hummer, weissen Heilbutt mit Orangen und Topfbrot und als Dessert Creme vom Munster-Käse mit Salat aus weißen Trauben und Minze vor.Das hätte man so nicht erwartet. Praktischerweise kann man die Menüzutaten auch auf der Website bestellen. Für 300 (Basispaket) oder 650 (All-Inclusive-Paket) Euro. Sowieso: Die Shop-Verweise ziehen sich wie ein roter Faden durch das Heft. Egal ob Wein, Zubehör, Zutaten. Kaufen, kaufen, kaufen.

BEEF!

BEEF! – Für wen eigentlich?

Ich weiß nicht, was dieses Magazin soll. Für wen soll es gut sein?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich mich einfach selbst einordnen. Seitdem ich vor fünf Jahren den heimischen und elterlichen Hafen verlassen habe, beschäftige ich mich intensiv mit dem Kochen.  Aber ich bin jung, muss noch viel lernen und noch mehr Dinge überhaupt probieren und kennenlernen. Der Hype, der durch Jamie Oliver irgendwann entstanden ist, hat auch mich nicht ganz unberührt gelassen. Mich interessiert dieser junge, urbane Style. Ich will weder Schicki-Micki, noch habe ich Platz (und oft auch nicht das Geld) mir allen möglichen Gerümpel in die Küche einer Mietwohnung im Zentrum von Düsseldorf zu stellen. Und einen Garten in dem ich Äpfel und Hühner züchte habe ich schon gar nicht. Dafür bin ich durchaus bereit, bei Zutaten und Rezepten zu experimentieren. Und natürlich von Zeit zu Zeit die ein oder andere teurere, lebenslange Anschaffung zu tätigen – egal ob Töpfe, Messer oder Pfannen.

Ist BEEF! also etwas für mich? Definitiv: Nein. Obwohl ich gerne und auch genügend Summen in Zutaten, Ausstattung, Literatur stecke – von 510 Euro Stühlen, 11.000 Euro Backofen und 100.000 Dollar Wein bin ich noch weit entfernt. Auch dieses für mich zwanghafte Gourmet-Menü, in dem natürlich Hummer nicht fehlen darf, ist nicht meine Welt. Andererseits: Alle anderen Rezepte sind einfach uninteressant, absolute Basics. Für ein „Meine ersten Schritte in der Küche ohne Maggi und Knorrfix“-Magazin geeignet, für jeden Koch mit etwas Grunderfahrung völlig belanglos. Und was soll dann erst der „richtige Mann“, der mit dem 11.000 Euro Backofen in seiner, eine ganze Etage einnehmenden Küche, damit anfangen?

BEEF! geht in die Extreme: Barfuß oder Balletschuh, Schicki-Micki oder Mensa. Das schlimmste ist aber: Eigentlich ist BEEF! vollkommen leer. Ohne Inhalt. „Ich Mann. Ugh ugh!“ beschreibt BEEF! wohl am Besten. Ich brauche das in einem Food-Magazin für 10 Euro nicht, da kann ich mir auch GQ, Gala Men oder sonst was kaufen. Und ob der besserverdiene Familienvater etwas mit diesem Pupertätsgeschreibsel (der Beitrag zum Männerkochclub trägt die Überschrift „Kochen mit Eiern“) anfangen kann, wage ich auch zu bezweifeln.

Für wen ist also BEEF!? Diese Frage sollte die Redaktion oder besser der Verlag schnell beantworten. Denn bislang gibt es darauf keine Antwort.

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Jahrgang 83 und hoffentlich schon lange genug dekantiert. Wohnt in Düsseldorf Flingern und ist seit Dezember 2016 Vater einer wunderbaren Tochter. Deshalb geht es in der Küche derzeit schnell und gesund zu. Naja, auf jeden Fall schnell.

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  1. Pingback: Gordon Ramsay: Gesund schmeckt besser » Buch, Gerichte, Rezepte, Ausnahmen, Alltagsrezepte, Buches » Topf & Löffel

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