Events, Getestet
Kommentare 1

Der mixende Zombie: Cocktail-Workshop bei 11cl

Damals, genauer seinerzeit ™, in der Oberstufe meines Gymnasiums musste ich für irgendeine Party Bier kaufen. Man kaufte zu dieser Zeit noch Dosenbier und da die Party eh nicht in meinem Mini-Dorf war, sondern in der großen Stadt meiner Schule und Freunde, kaufte ich das Bier während der großen Pause. In der dritten Stunde saß ich also mit zwei Paletten Dosenbier im Philosophie-Unterricht, der uns damals bedeutungsschwanger angepreist worden war und statt über solch sinnhafte Frage wie „Was war zuerst da? Die Dose oder das Bier?“ zu diskutieren, mussten wir uns durch Jahrhunderte alte Papyrusrollen quälen. Wie gerne hätte ich eine dieser Dose geöffnet und das ganze Leid beendet. Aber Alkohol gehört sich nicht in der Schule.

Zum Glück hat sich das jetzt im Alter geändert. Während man lernt, darf man sich Zuschütten – ganz offiziell. Cocktail-Kursen sei Dank! Die Krux: Bezahlen muss man dafür. Aber irgendwas ist ja immer.

Von Vorne: Marleen schenkte ihrer sparsameren Hälfte Marco McSafe (Name von der Redaktion geändert) einen Gutschein für einen Cocktailkurs und wir (meine Frau und ich) mussten mit. Die Wahl viel dabei auf die Cocktailkurse von 11cl, die in Köln, Aachen und eben Düsseldorf stattfinden. Für 49,99 € soll man dann im dreistündigen „Cocktailkurs I“ anhand von 10 Cocktails in die Grundlagen des Cocktailmixen eingeführt. Die allgemeine Beschreibung klingt dabei ganz nett:

Das Ziel unserer Cocktailkurse ist dabei nicht, mit unseren Gästen stur Cocktailrezepte zu pauken. Ganz im Gegenteil. Sie beantworten vielmehr die Fragen: Warum wird ein Martini gerührt und nicht geschüttelt? Oder warum es die Caipirinha und nicht der Caipirinha heißt? Im Vordergrund steht somit der Spaß am gemeinsamen Shaken und die Herstellung schmackhafter Cocktails.

Der Realitätscheck

Was nirgendwo stehtWas man lesen kann, wenn man nicht Blind ist (siehe Update unten): Die maximale Gruppenanzahl von zwölf Personen wird in Gruppen von drei bis vier Personen eingeteilt, die dann jeweils zusammen die Cocktails mixen. Man bezahlt gar nicht dafür selbst zehn Cocktails mixen zu dürfen, sondern man zahlt theoretisch dafür, dass man drei anderen Personen dabei zusieht, wie sie den Großteil der Cocktails – rechnerisch sind es 7,5 – mixen. Dabei sitzt man entlang einer langen Cocktailtheke, aufgereiht wie Hühner auf der Stange, und guckt den anderen zu, wie sie auf ihrer Küchenmatte die Limetten schneiden und den Rum gemäß den Rufen des Cocktaillehrers abmessen. Durchbrochen wird diese phänomenale Spannung von einem chinesischen Buffet in mittlerer Lieferdienst-Qualität. Die Weisheiten der Glückskekse sorgen dann auch für die größte Unterhaltung an diesen Abend.

Warum es nun „die Caipirinha“ heißt und nicht „der Caipirinha“, weiß ich nach dem Abend immer noch nicht. Auch nicht, wieso wir den Moscow Mule (positiv: unser Wunsch-Cocktail) im Glas gemixt haben und nicht wie sonst üblich in einem Kupferbecher. Unseren Cocktail-Lehrer möchte ich aber etwas in Schutz nehmen: Nett und sympathisch, dabei immer bemüht alle Fragen seiner 12 Schützlinge zu beantworten. Er kann sicherlich am Wenigsten dafür, dass dieser Cocktailworkshop mehr Zeit- und Geldverschwendung ist, als alles Andere.

Zum offiziellen Abschluss des Abends darf man sich dann einen Cocktail von der Karte bestellen und es werden Urkunden verteilt. Unglaublich tolle Zertifikate, mit aufgedruckten(!) Unterschriften der 11cl-Macher und den Namen des Teilnehmers in schön dicken Edding-Buchstaben – was natürlich bei so billigen Druckerpapier auch gar nicht ausfasert. Ein absolutes optisches Highlight und sicherlich dafür geeignet, gerahmt hinter jeder überfüllten Mülltonne einen guten Eindruck zu machen. Während wir da also sitzend warten, stellt die Truppe vom Junggesellinnenabschied fest, dass sie ja gar nicht direkt beim Veranstalter 11cl gebucht haben, sondern über MyDays. Da kostet der ganze Spaß nämlich nochmal zwanzig Euro mehr – bei gleicher Leistung. Ein schöner Erfolg!

Fazit

Eine große Enttäuschung! Die Gruppengröße ist eine mittlere Unverschämtheit, von dem versprochenen zehn Cocktails mixt man nur ein Viertel. Mit Buffet und Abschluss-Cocktail sinkt die effektive Lernzeit von drei auf knappe zwei Stunden, in denen man nur in einem Bruchteil der Zeit wirklich aktiv etwas macht. Ganz ehrlich: Mein Philosophie-Grundkurs war spannender. Das hier vermittelte Einsteigerwissen kriegt man wahrscheinlich schnell selbst ergoogelt – im Idealfall sind es am Ende nur 50 Euro die man zum Fenster rausgeworfen hat und nicht direkt 70. „Lebenslanges Lernen“ – schön und gut. Aber bitte nicht so.

Update – Reaktion von 11cl

Gerne veröffentlichen wir auch immer die Reaktionen der getesteten Restaurants/whatever. Ich finde: Genau hier zeigt sich, wer das ganze aus Leidenschaft macht. Natürlich kann’s mal eine negative Bewertung geben, aber als Betreiber würde mich das doch wurmen bis zum geht nicht mehr und ich versuchen abzustellen und mit dem Kunden in Kontakt zu treten. Vielen ist das aber in der Tat völlig egal (siehe z.B. Basil’s oder Meckenstocks) – nicht so den Machern von 11cl. Hut ab dafür, unten lest ihr die Antwort.

Entschuldigen muss ich mich auch dann auch gleich: Es gibt tatsächlich einen Hinweis auf der Seite, dass in Vierergruppen gemixt wird. Der ist zwar etwas versteckt, aber da ich sogar extra danach gesucht hatte… Hätte ich finden können. Vielleicht aber eine kleine Anregung, dass etwas prominenter zu platzieren :)

Hallo Herr Jopen,

Wir sind eben über Ihren Blogartikel gestolpert und bedauern, dass Ihnen unser Kurs nicht zugesagt hat.

Da Sie ja einige Fragen ansprechen, die scheinbar während des Kurses nicht geklärt wurden, möchten wir Ihnen gerne die diesbezüglichen Antworten nachliefern:

Caipirinha ist feminin, da das Wort laut portugiesischem Ursprung übersetzt etwa soviel wie Bauernmädchen oder Mädchen vom Lande heisst.

Absolut korrekt ist, dass der Moscow Mule historisch / klassisch im Kupferbecher serviert wurde. Kupfer “färbt” aber geschmacklich auf den Drink ab. Da wir in der Vergangenheit häufiger feststellen mussten, dass dieser Kupferbeigeschmack von vielen Gästen nicht geschätzt wird, haben wir uns daher entschieden den Drink nur noch auf ausdrücklichen Wunsch im Kupferbecher zu servieren.

Zu den angeführten Kritikpunkten an unseren Kursen möchten wir anmerken, dass der Umstand, dass zu dritt bzw. zu viert gemixt wird, mehrfach auf unserer Homepage dargestellt wird. So steht auch in der von Ihnen zitierten Kursbeschreibung ( http://11cl.de/course-cc100/ ) im Wortlaut “Geschüttelt, nicht gerührt, wird dabei in Vierergruppen.”

Wir würden Sie daher bitten diesen Punkt in Ihrem Artikel richtig zu stellen.

Gleichfalls wären 10 Cocktails pro Teilnehmer aus vielerlei Gründen nicht umsetzbar. Ganz abgesehen davon, dass die meisten Menschen kaum in der Lage sind 10 Cocktails in drei Stunden zu trinken, wäre auch der Kurspreis bei 10 Drinks pro Person ein deutlich anderer. Allein der Wert der Cocktails würde dann bei 70 – 80 € liegen wozu noch Barmiete, Essen und der Kursleiter kämen.

Abschließend freuen wir uns über eine Nachricht, ob wir Ihr negatives “Kurserlebnis” in irgendeiner Form vielleicht doch noch nachträglich positiv gestalten können und verbleiben

Mit freundlichen Grüßen
David Froitzheim

Kategorie: Events, Getestet

von

Jahrgang 83 und hoffentlich schon lange genug dekantiert. Wohnt in Düsseldorf Flingern und ist seit Dezember 2016 Vater einer wunderbaren Tochter. Deshalb geht es in der Küche derzeit schnell und gesund zu. Naja, auf jeden Fall schnell.

1 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.